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Schüler sprechen über die Berufswahl Ministerpräsident Woidke in Neuruppin

Fast jeder fünfte Azubi in Brandenburg bricht seine Lehre ab, weil er irgendwann feststellt, dass der Beruf, den er sich ausgesucht hat, doch nichts für ihn ist. Für die Firmen ist das ein enormes Problem. In der Neuruppiner Puschkin-Oberschule wollte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) wissen, wie Schüler besser auf den Einstieg in den Job vorbereitet werden können.

Schulleiterin Anke Ketteritzsch warnt Ministerpräsident Dietmar Woidke, bevor er den Klassennraum betritt. Die 8a der Neuruppiner Puschkin-Oberschule ist eine Problemklasse. Kaum ein Lehrer kommt mit den Mädchen und Jungs klar, sagt die Direktorin. Was Dietmar Woidte dann am Donnerstag erlebte, war eine disziplinierte, aufmerksame Klasse. Die Schüler hatten die Stühle zu einem großen Kreis aufgestellt: Klassenrat.

Einmal in der Woche findet der statt. Schüler und Lehrer treffen sich, um über alles zu sprechen, was ihnen auf der Seele liegt. Gemeinsam und auf einer Ebene, sagt Matthias Trypke. Als Erwachsener hat er im Klassenrat nicht mehr zu sagen als jeder der Schüler, im Klassenrat sind alle gleichberechtigt. „Was uns bewegt, packen wir auf den Tisch und handeln das aus“, erklärt Trypke. Das kann hart sein – für Schüler und Lehrer. „Das ist eine Sache, die den Lehrern durchaus schwer fällt“, räumt Anke Ketteritzsch ein: Nicht alles zu bestimmen, nicht über den Schülern zu stehen: „Das muss man aushalten können.“ Die Puschkin-Oberschule hat in allen Klassen einen solchen Rat.

Woidke hört aufmerksam zu, hakt immer wieder nach. Er hat sich zum Besuch in der Neuruppiner Schule angemeldet, weil sie als eine Art Vorzeigemodell gilt – in Sachen Demokratie und in Sachen Berufsvorbereitung. Um beides geht es dem Ministerpräsidenten gestern bei seinem Kurzbesuch in Neuruppin. Vor allem um die Berufsbildung. Eigentlich, sagt Woid­ke, geht es Schulabgängern in Brandenburg heute sehr gut. „Ihr könnt de facto mit dem Finger auf die Landkarte tippen und könnt sicher sein, ihr werdet dort einen Ausbildungsplatz finden“, sagt er. Vor 20 Jahren gab es fast überall zu wenige Ausbildungsstellen, heute fehlen in vielen Berufen die Bewerber.

Fast jeder fünfte Jugendliche bricht seine Ausbildung ab

Das ist ein Problem. Das Zweite: zu viele Azubis brechen ihre Lehre ab, weil sie nach kurzer Zeit feststellen, dass der Beruf, den sie sich ausgesucht haben, doch nichts für sie ist. „Wir hatten bis vor wenigen Jahren 20 Prozent Berufsabbrecher in Brandenburg“, erklärt der Ministerpräsident den Schülern. Heute sehen sie Zahlen zwar besser aus, aber sie sind noch immer viel zu hoch.

Die Puschkinschule versucht seit vielen Jahren gegenzusteuern. Von der 7. bis zur 10. Klasse gehört Berufsorientierung fest zum Unterricht. Die Schule hat einen festen Ansprechpartner beim Berufsinformationszentrum der Agentur für Arbeit. Einen, den Jugendliche auch selbst regelmäßig aufsuchen, wenn sie etwas wissen wollen. Die Schule arbeitet eng mit Firmen und mit freien Trägern zusammen.

Realistisches Bewerbungstraining mit echten Firmenchefs

Es gibt jedes Jahr eine Ausbildungsmesse im Haus. In der 9. Klasse bieten die Wirtschaftsjunioren ein Bewerbungstraining an: Wer will, kann seine Unterlagen an den Unternehmerverein schicken und bekommt dann ein Bewerbungsgespräch, das genauso abläuft wie bei der realen Jobsuche. Nur dass es dazu noch Feedback gibt. Firmenchefs ihnen erklären, was die Jugendlichen gut machen und wie sie ihre Chancen auf eine Lehrstelle noch verbessern können. Es gehe darum, ihnen einen Vorsprung gegenüber Bewerbern ohne Training zu geben, sagt Wirtschaftsjuniorin Lysann Gutenmorgen.

Woidke ist sichtlich interessiert, als Sarah Soike erklärt, wie ihr fiktives Bewerbungsgespräch ablief. Sie hatte sich als Bankkauffrau beworben und war offenbar so überzeugend, dass ihr Trainer ihr am Ende seine Visitenkarte in die Hand drückte – falls sie sich später tatsächlich für eine Banklehre interessiert. Ob sie das Angebot annehmen wird, will Dietmar Woidke von ihr wissen. Sarah will nicht. Sie hat sich für ein Studium als Verwaltungsfachangestellten entschieden. Woidke ist zufrieden. Bei 240 Ausbildungsberufen den richtigen zu finden ist schwer, sagt er: „Auch zu wissen, was man nicht will, ist ganz wichtig.“ Er kündigt an, dass Schule und Wirtschaft überall im Land noch enger zusammenrücken werden.

Fast zwei Stunden nimmt sich Dietmar Woidke am Donnerstag Zeit für die Neuruppiner Schüler, dann muss er weiter nach Kyritz. Schulleiterin Ketteritzsch atmet durch. Sie hat den Termin souverän gemeistert, trotz der Aufregung. „Man hat nicht jeden Tag den Ministerpräsidenten zu Besuch.“

Von Reyk Grunow (erschienen im Ruppiner Anzeiger vom 03.03.2016)

Fotos: Daniel Dzienian